Skitour: Mit Simon Gietl auf die Ötztaler Gletscherriesen

(Zuerst veröffentlicht auf bergwelten.com)

Von Schneestürmen und Skihochtouren: Die Ötztaler Bergwelt kann sich auch im Spätwinter noch erstaunlich wehrhaft zeigen. Eindrücke vom Salewa GetVertical 2019 in Obergurgl mit dem Südtiroler Spitzenalpinisten Simon Gietl.

Das charakterreiche Altholz in der Stube, die türkisen Kacheln des Holzofens mit den Stapeln endlos durchgeblätterter Bergmagazine obendrauf, die Schwarzweißfotos vom Gurgler Ferner aus einer Zeit, in der er noch vom Stubenfenster aus sichtbar war: Die Langtalereckhütte im Tiroler Ötztal ist schon ein uriges Platzerl. So weit, so fein, nur heute haben wir ein Problem hier oben: Wir sind gefangen in ihrer Urigkeit. Draußen nämlich, da wo wir ja eigentlich hinwollten, auf die hohen Ötztaler Berge, da tobt heute ein ernstzunehmender Schneesturm. Den ganzen lieben, langen Tag. 

Irgendwann wird dann sogar der Simon Gietl schwach und zückt sein Handy. Zeit zum Reden hat man viel, an so einem Tag in der Holzstube auf 2.450 Metern, aber irgendwann will auch er seine Geschichten mit Bildern schmücken. Dann zeigt er ein paar Schnappschüsse von seinem „Nord3 Projekt“ letzten Herbst, „da wollt i einfach mal austesten, was der Körper so aushält“, sagt er. Ortler Nordwand, Kleine Zinne Südwand, Großglockner Nordwand, das alles in 48 Stunden, die Strecke dazwischen mit dem Fahrrad. Heißt, fast 400 km und 10.000 Höhenmeter radeln, dazwischen mal eine mächtige Nordwand eingeschoben. Schlaf: 10 Minuten, insgesamt. Knapp weniger als die anberaumten zwei Tage brauchte er schlussendlich mit seinem Alpinpartner Vito Messini, „da war ma dann scho ganz nett fertig.“

Ein paar Swipes weiter, erscheint seine neue Solo-Erstbegehung am Heiligkreuzkofel, einem Freund gewidmet. „Wird schon bei 8b einchecken.“ Swipe, eine GoPro-Aufnahme, wie er einen Schlaghaken („an Nagl“, auf gut Südtirolerisch) in eine Felsspalte drischt, da lacht das Herz, „dea war perfekt!“. Simon Gietl ist eben ein Vollblutalpinist, das wird mit jeder neuen Geschichte noch klarer. Draußen immer noch Schneesturm, Hüttenwirt Georg stellt uns ungefragt ein neues Bier hin, „trinkts lei, Mander!“

SKITOUR AUF DIE GLETSCHERRIESEN

Und so vergehen die Stunden dann doch bis zur Bettgang ins Matratzenlager. Beim Zähneputzen schimmert schon der Mond durch’s Fenster, am nächsten Morgen dann die große Erlösung: Sonne! Neuschnee! Frühstücksbuffet! Nichts wie runter mit dem Kaffee, nichts wie raus aus der Hütte, die Motivation sitzt tief. Versammelt haben wir uns hier alle im Zuge des Salewa GetVertical 2019, Simon Gietl ist nicht nur prominenter Geschichtenerzähler, sondern auch selbst als Bergführer für unsere Gruppe verantwortlich.

Erstmal ist beherztes Spuren angesagt, der Super-Winter 2019 hat auch in seinen letzten Zügen nochmals bewiesen, dass er vom Frühling nichts wissen will. 50 Zentimeter Neuschnee Mitte März, das gibt dann Hochwinterbedingungen statt Firnskitour. So soll es sein, denken wir uns, und ziehen unsere Spuren von der Hütte Richtung Mittleren Seelenkogel. Das sanft-kupierte Gletschergelände mit Ausblick auf die majestätische Hohe Wilde am Talschluss ist die Aufwärmübung für den Gipfelgrat, selbst der weitgereiste Weltklasse-Athlet Simon Gietl gerät ins Schwärmen und meint mit Augenzwinkern: „Fast so schian wie in Südtirol.“ Nach seinen Sommerplänen gefragt, zieht es ihn aber doch wieder in die Ferne. Eine Pakistan-Expedition steht an, der Latok, „da bin i zwoa Monate mit dem Thomas Huber drübm. Wird sicher lässig.“

Lässig sicher, aber das ist der Mittlere Seelenkogel auch. Zwar kein 7.000er wie der Latok, aber immerhin hoch genug, um die dünne Luft am eigenen Leibe zu spüren. Ab der 3.000er Grenze schnauft man schon spürbar schneller, der Puls geht mit jedem Höhenmeter nach oben, die Nervosität auch. Zum Grande Finale wartet noch eine 3er-Gratkletterei auf uns, mit dem Höhenwind, der vom Vortag noch übrig geblieben ist, kommt durchaus ein wenig Karakorum-Stimmung auf. Für Simon Gietl natürlich reine Routine, „mei, bärig da!“, viel mehr hört man nicht.

Als wir dann endlich das Gipfelkreuz auf 3.424 Metern erreichen, öffnet sich der Blick Richtung Süden und Simon sieht seine geliebten Dolomiten in ganzer Pracht vor ihm ausgebreitet. „Langkofel, Piz d’Ander, Rauhe Gaisl …,“ zählt er auf, alles Gipfel, an denen er eine Erstbegehung hinterlassen hat. Und wenn man sich umdreht, steht da groß die Wildspitze vor einem, die höchste Erhebung Nordtirols. Und ganz weit unten funkelt die Langtalereckhütte herauf, der Georg wartet bestimmt schon mit dem Belohnungsbier auf der Sonnenterrasse. Nichts wie hin.

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