Madhya Pradesh, oder: Indien mal ohne massig Leute

(Artikel erschienen auf bergwelten.com)

Der Straßenverkehr ist eine einzige zäh-fließende Masse, in der sich die einzelnen Teile magnetisch abzustoßen scheinen, die aber alles verschlingt, was sich nicht nahtlos einfügt. Die olfaktorische Empfindung oszilliert bemerkenswert schnell zwischen Mülldeponie und Masala Curry. Die akustische Kulisse würde auch eine 80er-Jahre-Punkband auf Ecstasy nicht übertreffen, der immerwährende Grundtenor: Hub, hub, huuuub. Und zwischendrin schläft immer irgendwo eine hochheilige Kuh. Wer durch Indien reist, muss seinen Sinnesorganen so einiges abverlangen.

Soweit das bekannte Bild von Indien. Stimmt auch, aber trotzdem hat das Land mit den unfassbaren 1,3 Milliarden Einwohnern auch so etwas wie eine ruhige Seite. Es gibt sie, die einsamen und entspannten Flecken auf diesem Superkontinent der Sinne, einer davon ist der zentralindische Bundesstaat Madhya Pradesh – „the heart of India.“

Für die Entdeckung der Einsamkeit im Herzen Indiens haben wir eine ganz besondere Begleitung dabei: Mandip Singh Soin, der Mann mit dem weißen Rauschebart und buntem Turban, in seiner Erscheinung eine gelungene Kombination aus Gandalf und Ghandi. Mandip ist mit seiner Firma ibex expeditions einer der großen Pioniere des nachhaltigen Abenteuer-Tourismus in Indien und Organisator zahlreicher bedeutender Himalaya-Expeditionen. Zudem selbst einer der ersten ernstzunehmenden Bergsteiger seines Landes – nicht nur den sagenumwobenen Bergen Shivling und Meru hat er die erste indische Begehung abgerungen, er hat zudem moderne Bergrettungstechniken etabliert und mit dem Dalai Lama Tee getrunken. Mandip kennt die Berge und die Kulturen Indiens wie kaum ein zweiter – auch deshalb kommt er immer wieder gern ins zentrale Hügelland, nach Madhya Pradesh. „Das geniale hier ist, dass man in den Nationalparks etwas Aktives machen darf – trekken, Safaris, Kanu fahren. Solche Sachen sind in den Nationalparks der restlichen Bundesstaaten Indiens leider oft verboten.“

Wandern im Satpura Nationalpark

Für unsere Entdeckungsreise haben wir den Satpura Nationalpark auserkoren, einen von insgesamt neun im Bundestaat. Es ist ein weitläufig-hügeliges Tiger-Reservat mit dem Ruf, eines der am wenigsten erschlossenen in Indien zu sein. Für die gerade mal 120 Kilometer von der Hauptstadt Bhopal sind bei der chaotischen indischer Fahrweise gute fünf Stunden Autofahrt nötig, bis man es an den Rand des Nationalparks schafft. Wir wollen es der Großkatze gleichtun und diese Landschaft auf leisen Pfoten erkunden und, wer weiß, mit ein wenig Glück auch tatsächlich einen Bengalischen Tiger erspähen. „Im Moment wissen wir von zwei Weibchen und einem Männchen im Reservat. Wahrscheinlicher werden wir aber einem Leoparden, einem Lippenbär oder einem Königsriesenhörnchen begegnen, die sehen wir hier recht häufig“, sagt Aly Rashid, der am Nationalpark-Rand die noble Reni-Pani-Jungle-Lodge betreibt und als Naturforscher in den nächsten Tagen alles, was links und rechts des Weges wächst und kreucht, für uns benennen wird.

Wir wandern also durch das Reich des Tigers. Auch, wenn man die Statistik kennt und eine Begegnung zu Fuß unwahrscheinlich ist, schleicht sich dann doch ein sehr spezieller Gefühlsmix ein, sobald man den Rucksack schultert und die ersten Schritte auf den Dschungelboden setzt. Ein Mix aus Respekt, Aufmerksamkeit und Ehrfurcht, gewürzt mit einer kleinen Briese urmenschlicher Angst – es könnte ja, wer weiß denn schon!

Tiger-Trekking am Forsyth-Trail

Gut, dass Mandip und Aly eine Ruhe ausstrahlen, wie es vielleicht nur Inder können – der Yoga-Hype ist hier immerhin schon vor ein paar tausend Jahren angekommen. Wir starten unsere Wanderung vom idyllischen Dörfchen Pachmarhi, von hier aus überblickt man gut das Terrain, das uns bald ganz und gar aufsaugen wird: Eine unberührte Landschaft aus Hügeln und sanften Gipfeln, die hier und da ein rot-oranges Fleckchen Sandstein freigeben. Wer die Gipfel genau zählt, kommt auf sieben – daraus leitet sich auch der Name des Nationalparks ab, Satpura. „Sat“ steht für sieben, „pura“ für Gipfel – der höchste davon ist der Mount Dhupgarh mit 1.352 Metern. Für die nächsten zwei Tage wandern wir am Forsyth-Trail, benannt zu Ehren des englischen Abenteurers James Forsyth, der sich hier schon Mitte des 19. Jahrhunderts für die Erhaltung der Wälder einsetzte.

Wobei die Bezeichnung Trail eigentlich übertrieben ist: In Indien wird man kaum Straßenschilder finden, da darf man sich eine Wegmarkierung schon gar nicht erwarten. Aber Aly kennt hier jeden Stein und jeden Baum, wir folgen ihm vertrauensvoll in den großen Wald hinein, der Inspiration für Rudyard Kiplings „The Jungle Book“ war. „Was heißt jungle auf Hindi? Jungle!“, unterrichtet uns Aly froh, wir sind hier also tatsächlich im Ur-Wald gelandet. Wobei man hier Lianen und Ananas vergebens sucht, der letzte Regen ist schon wieder zwei Monate her, der Boden ausgetrocknet. Dafür springt aber nach ein paar Schritte schon eine Horde Languren kreischend über unseren Köpfen hinweg. Aly wechselt sofort in den Naturforscher-Modus: „Wellenbrust-Fischuhu!“, „Eisvogel!“, unermüdlich erspäht er seltene Vögel in den Bäumen, wo wir nur einen Haufen Blätter sehen. Zu Sonnenuntergang kommen wir dann am geplanten Übernachtungsplatz an, gerade rechtzeitig, um das letzte Licht noch für einen abkühlenden Sprung in den Fluss Denwa zu nutzen, die Hauptschlagader des Satpura-Gebirges.

Ab ins Dschungel-Glamp

Erst als wir dann in unserem Camp am weitläufigen Flussufer die Füße in den noch warmen Sand stecken, wird uns so langsam bewusst, was wir heute den ganzen Tag eben nicht gesehen haben: Viele Menschen. Massig Autos. Nervige Tuk-Tuks. Ein ganzer Tag ohne Hupen, ohne Müll neben der Straße und ohne den Gestank von verbranntem Plastik in der Nase. Dafür Vogelgezwitscher, Flussrauschen und gelegentlich der entfernte Schrei eines Affen. Auch so kann Indien sein: Ruhig, verlassen, idyllisch; kontrastreich eben. Zeitgleich, mit den ersten Sternen am Firmament, erscheint auch unser Aperitif, ein süßlicher Schnaps aus den Blüten des Mahua-Baumes, der ringsherum wächst. Etwas gewöhnungsbedürftig zwar, aber das ist hier nun mal so einiges, auch die lokale Definition von Camping.

Fertig aufgebaute Zelte mit Betten und Nachtkästchen, ein Klo- und Duschzelt mit improvisiertem Waschbecken samt Seife und Handtuch und eine kleine Bar, die selbst Eiswürfel für den Gin Tonic bereit hält: So campen in Indien also die Touristen. Pardon, Glamping ist wohl der gängige Modebegriff dafür. Und jeden Abend wartet eine Wärmflasche im Zeltbett auf unsere kalten Füße. Gewöhnungsbedürftig, aber durchaus angenehm.

Die Begegnung mit dem Tiger

Bei all dem annehmlichen Luxus vergisst man dann schon mal den eigentlichen Grund, warum wir hierhergekommen sind. Der fällt uns dann am nächsten Tag nach zeitigem Aufbruch wieder ein, als wir nach einer noch etwas verschlafenen Stunde Wanderung flussabwärts dann plötzlich ein Frühstück der anderen Art direkt neben unserem Weg entdecken: Einen Haufen übriggelassener Innereien im Sand. „Tiger kill“, zögert Aly nicht lange mit der Antwort, „wohl gestern. Vermutlich ein kleines Samda-Rind.“ Und tatsächlich, ringsum finden sich dann noch Fellreste und überdimensional große Katzenspuren im Sand. Ab jetzt ist der Tiger nicht mehr nur ein abstrakte Gestalt, er ist plötzlich verdammt real. Man geht anders, man schaut anders, man hört anders – wir wandern hier durchs Dschungelbuch, und Shir Kahn begleitet uns.

Infos und Adressen: Madhya Pradesh, Indien

Ankommen: Flug von Delhi nach Bhopal (1,5 h), der Hauptstadt Madhya Pradeshs in Zentralindien. Bis zum Satpura Nationalpark sind es gute fünf Stunden mit dem Auto, selbstfahren wird aufgrund der sehr gewöhnungsbedürftigen Verkehrsregelauslegung der Inder und dem Linksverkehr nicht angeraten. Am besten ein Taxi nehmen oder eine organisierte Tour buchen.

Unterkommen: Madhya Pradesh liegt abseits der bekannten indischen Touristenpfade und ist deshalb mit Unterkünften für internationale Touristen noch etwas spärlich ausgestattet. Die Ausnahme ist Bhopal, eine 2-Millionen-Stadt, die wegen des schrecklichen Chemie-Unglücks 1984 traurige Berühmtheit erlangte. Hier gibt es einen guten Standard an Hotels, z.B. das Jehan Numa Palace. Im Satpura Nationalpark ist die Reni Pani Jungle Lodge ein luxuriöses Kleinod im afrikanischem Safari-Style. Die noblen Hotels haben durchaus ein westliches Preisniveau, wer sich in den Gassen der Städte selbst versorgt, bekommt für ein paar Rupies äußerst günstige Köstlichkeiten, ein guter Magen wird aber oft vorausgesetzt.

Beste Reisezeit: Angenehmes, trockenes Klima herrscht von Oktober bis März. Rund um den Dezember sind die Temperaturen auch für Outdoor-Aktivitäten wie Wandern und Biken ideal, nachts wird es aber durchaus schon frisch. Ab April wird es dann oft unerträglich heiß, die Temperaturen klettern regelmäßig über 40°C. Juli bis September sind durch den Monsun niederschlagsreich und feucht-schwül.

Aktivitäten: Die Hauptattraktion von Madhya Pradesh sind die Wildtier-Safaris. Der Satpura-Nationalpark erlaubt zudem Aktivitäten wie Wandern, Mountainbiking und Kanu-Fahrten. Ibex expeditions bietet Touren in der Region an, über die Reni Pani Jungle Lodge können ebenso Aktivitäten im Nationalpark gebucht werden.

Denkmäler: Wer Indien bereist, muss in die fernöstliche Kultur eintauchen: So lohnt sich ein Besuch der 2.500 Jahre alten Buddhistischen Stupa Sanchi (50 km von Bhopal), einem UNESCO-Weltkulturerbe, ganz besonders mit kundigem Guide, welcher die antiken Sandsteingravuren zu erklären vermag.

Die Reise erfolgte auf Einladung der Adventure Travel Trade Association (ATTA) und Madhya Pradesh Tourism.

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